Eine schwierige Entscheidung
Der Entschluss ein Tier einschläfern zu lassen fällt uns oft schwer, weil wir an ihm hängen und unsere Gefühle sich nicht damit vereinbaren lassen, seinem Leben ein vorzeitiges Ende zu setzen. Die Bindung an unseren Hund entsteht mit dem täglichen Umgang. Für viele unter uns ist der Hund ein Mitglied der Familie, ein Freund und ein treuer Begleiter. Sein Tod verursacht bei uns die gleichen Gefühle, wie der Tod eines uns nahe stehenden Menschen, zum Beispiel eines Freundes. Natürlich ist die Beziehung zu unserem Hund nicht die gleiche wie die, die uns mit unseren Freunden verbindet, weil wir mit ihnen einen anderen Umgang pflegen. Der Hund kann jedoch zu einem genauso wichtigen Partner werden wie der beste Freund.
Diese starke Bindung führt oft zu komplizierten Situationen, in denen sich unser Beschützerinstinkt, unser Verantwortungsgefühl und unser Sinn für Loyalität gegenüber unserem treuen Begleiter gegen unseren Verstand wehrt. Unser Verstand sagt: Er ist alt, er leidet, ich kann ihn nicht so weiterleben lassen, seine Lage ist aussichtslos. Warum sollte ich ihn also nicht von seinen Qualen erlösen? Ist eine weitere Operation wirklich vernünftig? Kann ich die Kosten für die Behandlung aufbringen? Unser Herz wehrt sich: Er vertraut mir, er braucht mich und ich brauche ihn, ich habe ihn gern. Wie kann ich mich da für seinen Tod entscheiden?
Die Zeit vor der Euthanasie
In dieser Zeit tauchen immer wieder die gleichen Fragen auf: Ist jetzt der richtige Moment gekommen? Wann wird es soweit sein? Ist es nicht zu früh? Ist es nicht zu spät? Diese Fragen werfen uns auf die Kernprobleme der Euthanasie zurück: Wir bestimmen über Leben und Tod, wir entscheiden, ob der Zeitpunkt gekommen ist oder nicht, wir wählen an Stelle unseres Tieres das, was in unseren Augen das Beste ist. Und dieses Beste ist der Tod.
In den meisten Fällen beschliessen wir unseren Hund einschläfern zu lassen, wenn seine Lebensqualität stark beeinträchtigt ist, wobei mehrere Faktoren ausschlaggebend sein können. Dazu gehören die Wahrnehmung seines Umfelds (z.B. wenn der Hund im Koma liegt), sein Alter, seine Krankheit und der Krankheitsverlauf, seine Möglichkeiten, soziale Kontakte aufzunehmen, sein Appetit, seine Bewegungsfähigkeit, seine Fähigkeit sich spontan zu versäubern, oder die Pflege, die er benötigt. Mit in die Waagschale fallen auch unsere Fähigkeit und unser Wille sein Leiden mit anzusehen sowie unsere Möglichkeiten und unsere Bereitschaft ihn zu pflegen und die Kosten einer Behandlung zu tragen. Der Hund ist ein soziales Lebewesen und ein Bewegungstier. Wenn diese grundlegenden Bedürfnisse nicht mehr befriedigt werden können, ist seine Lebensqualität beeinträchtigt.
Zögert man die Entscheidung zu lange hinaus, so verwischen sich die Grenzen zwischen künstlicher Lebensverlängerung, Misshandlung und guten Absichten. Wartet man nicht lange genug, könnte man es später bereuen. Wenn sich die Frage nicht stellt, dann meist, weil die Antwort offensichtlich ist: Das Tier ist entweder nicht mehr zu retten oder der Besitzer hängt so wenig an ihm, dass es ihm leicht fallen wird es zu ersetzen.
Die Kinder und der Tod ihres Tieres
Ich habe weder Psychologie noch Psychiaterie studiert und kann deshalb lediglich aus eigener Erfahrung sprechen. Sie hat mich gelehrt, dass Kinder sehr vernünftig mit dem Tod ihres Tieres umgehen. Es ist sinnlos das Verschwinden eines Tieres vertuschen zu wollen, indem man es sofort durch ein anderes ersetzt, das ihm vielleicht sogar ähnlich sieht. Ein Kind schliesst aus einem solchen Verhalten, dass ein Tier ein blosses Objekt ist, das ohne weiteres ersetzt werden kann. Ausserdem geben wir ihm damit zu verstehen, dass wir seinen Gefühlen für das Tier nicht viel Wert beimessen, etwa so, als würden wir dem "Kleinen Prinzen" von Saint-Exupéry beweisen wollen, dass "seine" Rose ersetzbar ist. Das ist Betrug und Kinder lassen sich selten etwas vormachen.
Kindern schenkt man am besten reinen Wein ein und erklärt ihnen die Situation, wenn möglich noch vor der Euthanasie. Das Kind darf aber nicht das Gefühl haben, dass es die Verantwortung für die Entscheidung trägt, diese liegt allein bei den Erwachsenen. Verschiedene Broschüren und Bücher können helfen diese schwierigen Momente besser zu überwinden2.
2 zum Beispiel: Baffy, erhältlich beim Konrad Lorenz Kuratorium, PF 1125, 8034 Zürich.
Originalausgabe: Scrumpy, Dale Elisabeth, Joos Frédéric, Andersen Press Ltd, Lomdon
Um Rat fragen
Wenn immer möglich sollte man die Euthanasie mit einer Drittperson diskutieren, bevor man eine endgültige Entscheidung trifft. Die Meinung einer Vertrauensperson ist immer eine wertvolle Hilfe. Sprechen Sie sich mit Ihrem Tierarzt oder mit einem Freund aus, der Sie und Ihren Hund gut kennt.
Der Tierarzt hegt für Ihren Hund nicht die gleichen Gefühle wie Sie. Er kennt ihn zwar, betrachtet ihn aber von seinem beruflichen Standpunkt aus und stützt sich hauptsächlich auf medizinische Gesichtspunkte. Er wird seinen Rat von der Lebensqualität und dem voraussichtlichen Verlauf der Probleme (Alter, Krankheit, Unfall) abhängig machen.
Dieser Artikel ist erschienen im Hundemagazin 7/2002
Verlangen Sie eine Probenummer unter Tel. 044 / 835 77 35
Autorin:
Dr. med. vet. Colette Pillonel, dipl. Verhaltensmedizinerin E.N.V.F.
Bundesamt für Veterinärwesen, Bereich Kommunikation
Schwarzenburgstrasse 161
3003 Bern