Etwa die Hälfte aller Katzen über 6 Jahre entwickeln Schmelzschäden an einem oder mehreren Zähnen. Da sie besonders an den Zahnhälsen auffallen wurden diese Veränderungen auch als "neck-lesions" (englischer Begriff für Zahnhalsläsionen) bekannt. Der Begriff Karies, mit der die Erkrankung anfangs verglichen wurde, ist nicht zutreffend, da die Schmelzschäden nicht das Ergebnis von Schmelzschäden durch säureproduzierende Bakterien sind. Die Entstehungsursache dieser Schmelzschäden ist noch nicht bekannt.
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Abbildung 5: Oberkieferreisszahn mit typischem Schmelzdefekt ("neck-lesion") |
Befinden sich die Schmelzschäden unterhalb des Zahnfleischrandes, verursachen sie meist keine Schmerzen. Liegen sie jedoch unbedeckt vom Zahnfleisch, zeigen die Katzen häufig erkennbare Schmerzen beim Fressen und herabgesetztem Appetit. Im weiteren Verlauf kommt es zu einer fortschreitenden Auflösung der Zahnsubstanz. Dabei wird der Zahn soweit geschwächt, dass es zu einem Abbrechen der Zahnkrone kommt. Am häufigsten betroffen ist der 1. Molaren des Unterkiefers sowie der 4. Prämolare des Oberkiefers. Durch einwachsendes Zahnfleisch oder Überlagerung mit Zahnstein bleiben die Schmelzschäden nicht selten unerkannt. Häufig sind die von aussen erkennbaren Veränderungen nur die Spitze des Eisbergs. Nicht selten werden diese Zähne im Verlauf der Zahnreinigung erkannt und sollten, da sie starke Schmerzen verursachen können, gezogen werden. In seltenen Fällen kann im Beginn der Erkrankung der Schmelzschaden mit speziellen Kunststoffen restauriert werden. Häufig ist der Erfolg jedoch nicht anhaltend, da der Prozess weiter fortschreitet. Wegen der unklaren Entstehungsursache sind Empfehlungen für die Vorbeugung nicht möglich.
Das Krankheitsbild ist im Gegensatz zur Gingivitis als Folge von
Zahnstein weitaus seltener und reicht von Entzündungen des
Zahnfleischrandes bis hin zu aggressiven entzündlichen
Prozessen der gesamten Maulschleimhaut und betrifft Katzen aller
Altersgruppen. Bleibt die Entzündung auf das Zahnfleisch
begrenzt, spricht man von Gingivitis. Sind die Maulschleimhaut und
der Rachen betroffen, wird die Erkrankung als Stomatitis bzw.
Pharyngitis bezeichnet.
Betroffene Tiere werden meist mit gestörten Fressverhalten und
Abmagerung vorgestellt. Die Schleimhaut ist oft hochgradig
entzündet und schmerzhaft. Häufig zeigen erkrankte Katzen
vermehrten Speichelfluss, der blutig sein kann und teilweise stark
ausgeprägten Mundgeruch. Eine für junge Katzen typische
Form führt zum Überwuchern der Zahnkronen prämolarer
und molarer Zähne mit Zahnfleisch.
Die Ursache ist nach wie vor umstritten, vermutlich handelt sich um
allergische und infektiöse Prozesse. Allgemeine
Viruserkrankungen (FeLV, FIV) werden auch mit der Erkrankung in
Verbindung gebracht und sollten mit einer Blutuntersuchung
abgeklärt werden.
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Abbildung 6: Zahnfleischentzündung nach erfolgloser medikamenteller Behandlung |
Zu Beginn der Behandlung steht eine professionelle Gebissreinigung. Trotzdem bleiben die Entzündungen oft weiter bestehen oder treten nach kurzer Zeit erneut auf. Die Gabe von Antibiotika über einen Zeitraum von 6-8 Wochen führt häufig zu einer vorübergehenden Besserung. Auch mit Kortisongaben kann eine Besserung, in einigen Fällen auch Heilung erzielt werden. Ist eine Behandlung mit Medikamenten erfolglos oder kehren die Entzündungen trotzdem wiederholt auf, ist das Ziehen aller prämolaren und molaren Zähne empfohlen. Diese drastische Massnahme ist zwar im ersten Moment erschreckend, aber in einer grossen Anzahl der Fälle bilden sich die Entzündungsprozesse fast vollständig zurück und die betroffenen Katzen können trotz der fehlenden Zähne problemlos Futter aufnehmen. Obwohl nach eigenen Erfahrungen gute Ergebnisse erzielt werden können, muss davon ausgegangen werden, dass nicht alle Patienten geheilt werden können.
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Dieser Artikel ist erschienen im Katzenmagazin 4/2002
Verlangen Sie eine Probenummer unter Tel. 044 / 835 77 35
Autor:
Dr. Stefan Grundmann
Tierspital Zürich, Kleintier Chirurgie, Abt. Zahnheilkunde
Winterthurerstrasse 260
8057 Zürich